Gericht erlässt Arrestbefehl gegen Unternehmer Öger
Von Janko Tietz, Spiegel Online
Heute beginnt die Gläubigerversammlung des
Touristik-Pleitiers Vural Öger. Viel wird wohl nicht zu holen sein. Auch
weil Öger nach Informationen von SPIEGEL ONLINE offenbar Vermögen
beiseite geschafft hat.
Mit der Kaufmannsehre ist das so eine Sache. Für die einen ist das ein hehres Wort, für andere eine bloße Worthülse.
Vural Öger darf man wohl getrost zu den anderen zählen. Der
ehemalige Touristikunternehmer und Gründer von Öger Tours gefiel sich
lange in der Rolle des Zampanos. Model, Selfmade-Millionär,
EU-Parlamentarier, Entertainer - seit 2014 war er einer der Juroren in
der
Vox-Sendung "Die Höhle der Löwen", eine Casting-Sendung, bei der Start-ups um Investorengelder buhlen.
Doch mit dem gegebenen Wort, mit der Ehre und mit der Glaubwürdigkeit
schien es bei dem Hamburger Kaufmann nicht so weit her zu sein.
Mehrfach sicherte Öger den Jungunternehmern in der Sendung zu, in ihr
Produkt zu investieren und mit ihnen zusammenzuarbeiten, mehrfach wollte
er später davon offenbar nichts mehr wissen. Mehrfach beklagten sich
Kandidaten hinterher über den Juroren Öger.
Wie auf der Showbühne agierte Öger offenbar auch im echten Leben. Zumindest wohl kurz vor der
Insolvenz seiner eigenen Reiseunternehmen
V.Ö. Travel (VÖT) und Öger Türk Tur (ÖTT). Er machte Zusagen, beschwor
die Zusammenarbeit, trickste und täuschte aber offenbar, als es eng
wurde. Bis er sich schließlich ganz entzog. Zuvor gab er noch ein paar
Interviews, eines war überschrieben mit "Über Geld spricht man nicht".
Doch da gibt es gerade ein paar Leute, die ganz gern mit ihm über Geld sprechen möchten.
"Wir haben bei jeder Buchung Geld verloren"
Am 30. Dezember 2015 meldete Öger für sein Unternehmen VÖT
Insolvenz an. Am 4. Januar 2016 folgte die Pleite des anderen
Unternehmenszweigs ÖTT, die er noch am Tag der Insolvenz in Fly Türk
umbenannte. "Wir haben bei jeder Buchung Geld verloren", barmte Öger in
der "Welt". "Der Markt für Türkei-Reisen ist total zusammengebrochen."
Gründe seien der Syrienkrieg und die unsichere Lage im arabischen Raum.
"Die Menschen wollen nicht dort Urlaub machen, wo an den Stränden
Tausende Flüchtlinge liegen", so der einstige Vorzeigeunternehmer im
Februar.
Was Öger aber nicht sagte: Mit seinem Pauschalurlaub-Unternehmen
VÖT machte er nur einen Bruchteil seines Geschäfts. Längst hatte er sich
mit ÖTT auf ein anderes - viel lukrativeres - Feld verlegt, das des
sogenannten ethnischen Verkehrs; also auf in Deutschland lebende Türken,
die regelmäßig in ihre Heimat fliegen. Ganz unabhängig von der
politischen Lage in Syrien. Und dieses Geschäft ist bis heute äußerst
stabil.
Im Jahre 1991 begann Ögers Zusammenarbeit mit SunExpress, einem
Joint Venture zwischen Turkish Airlines und der Lufthansa. ÖTT charterte
Flugzeuge von SunExpress und flog auf eigene Kosten und eigenes Risiko.
Ab dem Jahr 2010 stellten beide die Kooperation auf eine neue
Grundlage.
Öger trat fortan nicht mehr hauptsächlich als Reiseveranstalter
auf, sondern lediglich als Flugticketagentur. Er verkaufte die Tickets
von SunExpress ohne eigenes Risiko an über 1000 kleinere Reisebüros und
kassierte dafür von SunExpress stattliche Provisionen - je nach Erfolg
bis zu zehn Prozent.
Zwischen 2010 und 2015 soll Öger rund 350 Millionen Euro Umsatz mit
den Verkäufen der Tickets für SunExpress gemacht haben, seine Provision
lag angeblich bei fast 40 Millionen Euro. Kein schlechtes Geschäft,
zumal kaum Kosten anfielen, da Öger nur wenig Personal beschäftigte.
Öger hatte lange Zeit sogar so weitreichende Zahlungsmodalitäten, dass
er die Flugticketumsätze abzüglich seiner Provisionen erst dann an
SunExpress zahlen musste, wenn die Reisenden den Flug angetreten hatten -
teilweise also mehrere Monate nach Erwerb der Tickets. Viel Zeit, um
mit dem Geld zu arbeiten.
Doch im September 2015 stockte die Geschäftsbeziehung. Öger hatte
über Monate nicht gezahlt, es waren Verbindlichkeiten in Höhe von rund
17 Millionen Euro aufgelaufen, die er allein SunExpress schuldete.
SunExpress pochte auf Zahlung, Öger beschwichtigte und vereinbarte mit
seinem Partner eine Ratenzahlung über 30 Monate. Zur Untermauerung
seiner Solvenz unterzeichnete er sogar eine selbstschuldnerische
Bürgschaft. Die Konsequenz: Öger haftete mit seinem Privatvermögen, wenn
seine Firma ÖTT die Ratenzahlungen nicht leisten sollte.
Öger kümmerte sich intensiv darum, sein Vermögen zu minimieren
Genau dieser Fall soll nun eingetreten sein. Schon im Spätsommer
2015 zeichnete sich ab, dass Ögers Firma die Raten entweder nicht zahlen
konnte - oder nicht zahlen wollte. Nachdem ein neuer Vertrag und die
Bürgschaft unterzeichnet waren, überwies Öger noch brav alle 14 Tage die
Einnahmen aus den Ticketverkäufen und auch die erste Rate seiner
Rückstände. Doch schon die zweite fällige Rate Ende November blieb Öger
schuldig.
Im Januar, kurz nach der Insolvenz, ließ Öger seinem langjährigen
Partner SunExpress durch seinen Anwalt mitteilen, dass er nicht mehr in
der Lage sei, zu bezahlen. Eine Behauptung, die, zumindest aufs
Unternehmen bezogen, stimmen dürfte. Laut Bundesanzeiger liegt eine
"drohende Masseunzulänglichkeit" vor. Der "Zeit" beeilte sich Öger aber
damals mitzuteilen, es handele sich lediglich um eine unternehmerische
Insolvenz, es gehe nicht um sein Privatvermögen.
Doch musste er nicht genau damit für die Schulden einstehen?
Zumindest für die, die er bei SunExpress hatte, einem seiner wichtigsten
Gläubiger? Wie SPIEGEL ONLINE vorliegende Dokumente nahelegen, hatte
Öger die Monate genutzt, um sein Vermögen trickreich zu minimieren. Er
machte sich augenscheinlich eifrig ans Werk.
- Am 24. November 2015 verkaufte er seine Privatvilla in Hamburg
an seinen langjährigen Buddy H.K., mit dem ihn viele gemeinsame
Geschäfte verbinden. Ein regelrechtes Schnäppchen, nur 1,6 Millionen
Euro verlangte Öger für das 2239 Quadratmeter große Anwesen im
Edelstadtteil Othmarschen. Im Vergleich des Marktwerts ähnlicher Objekte
liegt der geschätzte Wert der Immobilie jedoch bei mindestens 2,5
Millionen Euro.
- Am 11. Dezember 2015 übertrug Öger Anteile seiner Investment- und Beteiligungsgesellschaft GmbH auf seinen Sohn
- Am 15. Dezember 2015 verkaufte er ein Grundstück an der Elbchaussee.
- Am gleichen Tag stand der Verkauf seines 750 Quadratmeter großen
Bürogebäudes an, an die Firma seines engen Geschäftsfreundes S.G.,
wieder zum Schleuderpreis von 850.000 Euro, obwohl der Wert gemäß einer
vergleichenden Marktbetrachtung auf 1,24 Millionen taxiert wird.
- Einen Tag später überschrieb Öger seine Anteile an der Öger
Consulting GmbH an seinen Sohn und den Kumpel S.G., der auch den
Bürokomplex übernahm.
- Am 18. Dezember trennte sich Öger von seinen Anteilen an der
Öger and HK Yapi Taahhut Insaat Ticarte Limited Sirketi und überschrieb
sie an H.K., der auch schon das Privatdomizil gekauft hatte.
- Einen Tag vor Heiligabend folgte der Verkauf von drei Immobilien im türkischen Bodrum. An wen wohl? Buddy H.K.
- Einen Tag nach der Insolvenz der Fly Türk, vormals ÖTT, am 5.
Januar 2016: Übertragung eines Olivenhains in Bodrum an Ögers Tochter
für schlappe 20.000 Türkische Lira (rund 6000 Euro). Eigentlicher Wert
850.000 Türkische Lira (knapp 260.000 Euro), für diesen Preis wurde er
jedenfalls im darauffolgenden Februar weiterverkauft.
- Schließlich, am 18. Januar 2016, verkaufte Öger zwei weitere
Haine, diesmal für Zitrusfrüchte und Feigen, wieder an seinen Freund
H.K. für rund 20.000 Türkische Lira, der veräußerte sie kurze Zeit
später für das 40fache an eine türkische Bank.
Der Massenverkauf seiner Immobilien und Grundstücke konnte für Öger
wohl nur einen Zweck haben: sich ärmer zu rechnen. Denn Gläubiger
können Häuser und Felder zumindest pfänden lassen, wenn die nicht an ihr
Geld kommen. Wenn sie aber gar nicht mehr im Besitz des Schuldners
sind, wird das schwierig.
SunExpress aber wollte das offenbar nicht hinnehmen und ging
juristisch gegen Öger vor. Mit Erfolg: Auf Basis der von Öger
unterzeichneten persönlichen Bürgschaft strengte das Joint Venture von
Lufthansa und Türkish Airlines ein sogenanntes Urkundeverfahren an.
Zusätzlich verfolgte SunExpress einen Arrestantrag, um den möglichen
Zahlungsanspruch aus dem Gerichtsverfahren zu sichern.
Am 6. Mai erließ das Landgericht Frankfurt am Main gegen Öger
diesen Arrestbefehl. Was nach Haftbefehl klingt und nach Ende der
persönlichen Freiheit, ist zunächst erst mal eine Einschränkung über das
persönliche Vermögen - auch wenn das für manche beinahe gleichbedeutend
ist. Mit einem Arrestbefehl soll sichergestellt werden, dass Gläubiger
Zugriff auf Werte haben, die ihnen zustehen.
Im Fall von SunExpress ist das wohl so. Das Joint Venture aus
Lufthansa und Turkish Airlines habe glaubhaft gemacht, so das Gericht,
gegen Öger "einen Anspruch wenigstens in der geltend gemachten Höhe aus
der selbstschuldnerischen Bürgschaft (...) zu haben" - also in Höhe von
rund 17 Millionen Euro.
Was aber noch relevanter ist: Das Gericht entschied, dass auch der
Arrestgrund glaubhaft sei - sprich die kurzfristige
Vermögensverschiebung durch Öger. Es gehe nun darum, "dass ohne
Verhängung des Arrests die Vollstreckung des im Urkundeverfahren
begehrten Titels vereitelt oder jedenfalls erschwert wird".
Veräußerungen von vorhandenen Vermögenswerten und auch die
"Verschleuderung" und "Verschleierung ihres Verbleibs" hält das Gericht
für hinreichend belegt.
Dem türkischstämmigen Unternehmer droht also nichts anderes, als
dass alle seine schönen Deals mit Verwandtschaft und Freunden rückgängig
gemacht werden - und damit zumindest ein Großteil der Werte in die
Hände seiner Gläubiger fällt.
Es ist von Willkür die Rede
Öger ließ über seinen Anwalt mitteilen, dass er aufgrund laufender
gerichtlicher Auseinandersetzungen zwischen Öger und SunExpress keine
Stellung zu Details nehmen könne.
Einzelne Maßnahmen von SunExpress seit dem Jahr 2010 könnten jedoch
nur so gedeutet werden, dass der frühere Geschäftspartner "intensiv
daran gearbeitet hat, ÖTT aus dem Markt zu drängen", so Ögers Anwalt. Es
ist von Willkür die Rede, von Zwang, und von vertragswidrigen
Abrechnungen. Eine Marktteilnahme sei unmöglich gemacht worden.
Schließlich wird es sogar politisch: Öger stünde als liberaler,
prowestlich orientierter säkularer Unternehmer für Werte, die "unter der
derzeitigen türkischen Regierung einen anderen Stellenwert haben". So
sei es "der türkische Teil des Joint-Venture-Unternehmens SunExpress
gewesen, der eine einvernehmliche Regelung der offenen Fragen zwischen
Herrn Öger und SunExpress verhindert hat", so Ögers Anwalt.
SunExpress wollte sich zu dem Vorgang nicht äußern.
Von seiner geliebten Wahlheimat Hamburg hat Öger sich offenbar
abgewendet. Wo er sich jetzt aufhält, ist unklar. Der Anwalt schreibt,
"in Deutschland", eine frühere Mitarbeiterin sagt "in Istanbul", der
Arrestbeschluss ging an eine Adresse in München, doch dort ist er
offenbar auch nicht anzutreffen.
Es ist ein tiefer Fall für den früheren Vorzeigeunternehmer, der
ein Faible für teure Manschettenknöpfe hat. Von der Jurorenrolle bei Vox
hat er sich wegen der Insolvenzen schon vor einem halben Jahr
zurückgezogen. Sein Büro schmückte er einst mit dem
Bundesverdienstkreuz, staffierte es aus mit Fotos von ihm und Johannes
Rau, sowie ihm und Fidel Castro, präsentierte seine vielen
Auszeichnungen und edle Gemälde.
Doch es ist gut möglich, dass Öger sich künftig häufiger in
neonbeleuchteten Gerichtssälen aufhalten wird als in Fernsehstudios und
Chefbüros.
http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/vural-oeger-gericht-erlaesst-arrestbefehl-gegen-den-unternehmer-a-1096250.html